Aus Liebe zu alten Geschichten mit neuen Brennpunkten

Aus Liebe zu alten Geschichten mit neuen Brennpunkten

Vom 9. bis zum 26. November finden die 28. Berliner Märchentage statt. Jeden Abend um 19 Uhr wird die Märchenspinnerei einen Beitrag zum diesjährigen Thema „Die Liebe ist eine Himmelsmacht“ bringen. Also schaut rein, es lohnt sich!

Eine Mär (althochdeutsch für frei erfundene Geschichte) zu erzählen, ist in Deutschland seit 2016 im Bundesverzeichnis immateriellen Kulturguts als solches anerkannt worden. Denn Märchen rütteln an etwas in unserem tiefsten Inneren.

Durch ihre Struktur und die Verwendung archetypisierter Charkatere sind sie so eingängig, dass jedes Kind es schafft, auf Anhieb Gut und Böse der Geschichte zu erfassen und die Botschaft zu verstehen, welche das Märchen weitergeben möchte. Dabei liegt den alten Märchen noch ein zusätzlicher Bildungscharakter inne, da sie auch etwas über die Sozialstruktur ihrer Entstehungszeit preisgeben.

Die Niederschrift mündlich überlieferter Märchen öffnete ganz neue Türen

Doch mit ihrer Sammlung haben die Brüder Grimm nicht nur zur Rettung des bis dato rein mündlich überlieferten Kulturgutes beigetragen. Diese Art der Fixierung führte gleichfalls dazu, dass Märchen nun in der ganzen medialen Vielfalt präsentiert werden konnten. Von Neufassung, über Puppenspiele bis später hin zu Film- und Fernsehgeschichten, die sich jeweils wieder mit anderen Aspekte der Märchen auseinandersetzen.

Die Adaption, die im Mündlichen also graduell und schleichend geschah, ist damit heute in großer Vielfalt vorhanden. Man muss sich schon bewusst auf die Suche nach den Originalen machen, die den Populärversionen schon lange nicht mehr den Rang ablaufen können.

 

Es war einmal …

Diese Populärversionen haben vermutlich jede einzelne von uns Märchenspinnerinnen irgendwie geprägt. Dazu waren vielen auch die Grimmschen Versionen bekannt. Dennoch, irgendwann und irgendwo sind wir alle auch schon mit den Urversionen dieser Märchen in Berührung gekommen. Versionen, die mit der harten Realität nicht geizen, in denen es um Verrat, Mord und Vergewaltigung geht.

Zu sehen, wie die neuen Medien diese Themen bewusst ausblenden, Märchen verwässern und zu rosa-roten Kindergeschichten machen, hat in uns schließlich den Wunsch geweckt, es anders zu machen.

… ganz anders

Und so wurde die Märchenspinnerei geboren mit dem Ziel, alte Märchen neu zu erzählen auf eine Weise, die moderne Brennpunkte mit den klassischen Archetypen vermischt.

Denn was wäre, wenn das Rotkäppchen kein kleines Mädchen wäre, sondern eine junge Frau, ausgestoßen von ihrer Gemeinschaft? Was, wenn der Soldat aus den ‚zertanzten Schuhen‘ ein Kriegsheimkehrer unserer Zeit ist? Was, wenn der Froschkönig im Zimmer der Prinzessin herausfindet, warum sie so einsam ist?

Problemthemen wie Alkoholismus, soziale Ausgrenzung, Cybermobbing, PTBS, Drogenmissbrauch und vieles mehr finden Eingang in die Geschichten der Märchenspinnerei. Diese orientieren sich dabei nicht nur an klassisch deutschen Märchen, sondern blicken auch über den Tellerrand ins russische und orientalische Volksgut.

 

Liebe und Hass in Märchen

Letzten Endes geht es dabei  natürlich auch immer wieder um zwei der Kernthemen menschlichen Seins: Liebe und Hass in unterschiedlichster Ausprägung.

Ob nun der Protagonist lernen muss, mit dem Hass der Menge in einer Zeit allgegenwärtiger Wertung und Bewertung durch Klicks und Likes klarzukommen, ob er es schafft, die eigenen Traumata zu überwinden, um sich selbst anzunehmen, oder ob schlicht die Liebe ihm ein erfüllteres Leben offenbart, diese Gefühle sind oftmals Triebkraft und Motivation aller Handlungen.

Und irgendwie kann das eine nicht ohne das andere existieren. Wie zwei entgegengesetzte Enden ein und desselben Gefühls.

von Sylvia Rieß

 


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