Neid und Missgunst in Märchen

Neid und Missgunst in Märchen

Ziemlich viele Märchenfiguren werden zu den „Bösen“ der Geschichte, weil sie der Hauptfigur etwas nicht gönnen. Weil ihnen im Vergleich zum Subjekt ihres Neids etwas fehlt, sie aber über mindestens ebenso viel – oder eben genau diese eine Sache/Person – verfügen möchten. Besitz steht im Zentrum des Strebens, ob materieller oder nichtmaterieller Art. Was genau den Neid oder die Missgunst auslöst, kann ganz unterschiedlich sein.

 

Der einen Gold ist der anderen Pech

So ist es in „Frau Holle“, dem Ausgangsmärchen zu Tina Skupins „Hollerbrunn“, das Gold, das wortwörtlich an Goldmarie klebt. Dieses weckt in ihrer Stiefmutter Neid und damit verbunden den Wunsch, dass die andere Schwester, ihre Lieblingstochter, sich ebenfalls in den Brunnen stürzen soll. Natürlich, um ebenfalls von Frau Holle reich beschenkt zu werden. Doch da diese Tochter sich scheut, die Arbeit zu leisten, die ihr die Belohnung bringen würde, wird sie am Ende von Frau Holle mit Pech übergossen und somit zur Pechmarie. Der Neid von Stiefmutter und Schwester richtet sich hier auf den Reichtum, der Goldmarie zuteilgeworden ist.

Frau Holle (Hermann Vogel)

Rucke di gu, Rucke di gu – Blut ist im Schuh

Bei „Aschenputtel“, der Basis von Julia Maars „Der siebte Sohn“, steht eine Person im Mittelpunkt des Begehrens der Stiefschwestern. Sie beneiden Aschenputtel, jüngste Schwester und Stiefkind, um den Prinzen, der auf sie aufmerksam geworden ist und sie heiraten möchte. Hier ist es die Aussicht auf Reichtum, die die Missgunst der Schwestern provoziert, das Ansehen, das eine Heirat in die Königsfamilie mit sich bringt, der Statusgewinn. In diesem Märchen sind die Stiefschwestern durchaus dazu bereit, etwas zu leisten – so hacken sie sich Teile ihrer Füße ab, um in den Schuh zu passen. Doch da sie damit vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind, werden sie entlarvt und gehen leer aus. In einer der Fassungen picken ihnen die Tauben am Ende noch die Augen aus. Auch hier lohnt sich der Neid eindeutig nicht.

Aschenputtel

Wirst du Zarin, werfe ich dich ins Meer

In „Zar Saltan“, dem Ausgangsmärchen zu „Zarin Saltan“ von Katherina Ushachov, sind es wieder neidische Schwestern – die zwei älteren –, die der jüngsten ihr Glück nicht gönnen. Sie ist Zarin geworden, frisch verheiratet und mit dem Erben des Zars schwanger. Doch die Schwestern lassen es nicht einfach auf sich sitzen, dass man sie zu Dienerinnen des jungen Paars degradiert hat. Wenn sie das schöne Leben nicht bekommen, soll ihre Schwester es auch nicht haben. Kurzer Hand stopfen sie Zarin und neugeborenen Sohn in ein Fass und werfen beide ins Meer. In diesem Märchen ist der Neid so stark, dass die Missgünstigen ihre Schwester sogar umbringen wollen. Schlussendlich bringt es ihnen aber nichts, da Mutter und Sohn überleben und schließlich wieder mit dem Zar vereint werden.

 

Zu guter Letzt: die Klassiker

Andere Märchen-Klassiker, in denen Neid und Missgunst eine große Rolle spielen, sind „Dornröschen“ und „Schneewittchen“. In der ersten Geschichte bringt eine böse Fee, die nicht zur Kindstaufe eingeladen war, Unglück über das Kind und das ganze Reich, in dem sie alle einschlafen lässt. Im anderen Märchen stört sich die neidische Stiefmutter an der Schönheit ihrer Stieftochter und schreckt nicht davor zurück, diese umzubringen, um „die Schönste im ganzen Land“ zu sein.

 

Und die Moral von der Geschichte?

Was Neid und Missgunst all diesen Märchenfiguren schlussendlich gebracht haben? Nichts. In den meisten Fällen weniger als nichts, da sie selbst oft mit körperlichen Strafen und teilweise sogar dem Tod bestraft werden. Die Moral von der Geschichte: Andere um das zu beneiden, was sie im Gegensatz zu einem selbst haben, lohnt sich nicht.

Was die Märchen dabei nicht berücksichtigen, ist, dass Neid – und auch Missgunst – eine grundlegende menschliche Emotion ist. Wer kann von sich selbst schon behaupten, niemals neidisch gewesen zu sein? Ich wage, zu behaupten, dass jeder sich schon etwas gewünscht hat, was jemand anderes besaß oder jemand anderem vergönnt war. Vielleicht hat man, ganz heimlich natürlich, sogar missgünstig gehofft, dass den anderen dieses Glück/der Erfolg wieder verlassen möge.

Was die meisten Menschen – zum Glück – aber von den Märchenfiguren unterscheidet, ist das Handeln. Das muss schließlich nicht automatisch mit dem Fühlen einhergehen.

 

Von Christina Löw

 


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.