Weihnachtswünsche aus der Märchenspinnerei

Weihnachtswünsche aus der Märchenspinnerei

Weihnachten steht vor der Tür und das Jahr neigt sich dem Ende. Für uns ist es das erste Jahr mit der Märchenspinnerei und wir haben bereits wahnsinnig viel erreicht. Zehn Bücher sind erschienen, zuletzt unsere Anthologie „Es war einmal … ganz anders“, welche nach nur zwei Wochen ausverkauft war. Dieses Weihnachten möchten wir uns bei euch bedanken und zwar persönlich!

 

Das ist aber noch nicht alles. Schließlich ist Weihnachten. Hier ist also unser Geschenk für euch, eine Kurzgeschichte von Märchenspinnerin Susanne Eisele. Viel Spaß und bis zum nächsten Jahr!

 

Prinz Charming und Frau Holle

Das Leben meinte es nicht wirklich gut mit dem Knappen Will. Offiziell war er der Knappe der Prinzen Christian, genannt Prinz Charming. Tatsächlich war er mehr so dessen Mädchen für alles. Während der Prinz vor allem den weiblichen Schlossbewohnern gegenüber sehr zuvorkommend und eben charmant war, spürte Will Tag für Tag die andere Seite seines Herrn. Ständig musste er für Dienstbotengänge parat stehen. Lief etwas nicht nach den Wünschen des Prinzen, traf den armen Will schon mal dessen Reitgerte.

Beim Einschlafen träumte Will oftmals von einem Leben als freier Gastwirt, wohl wissend, dass er nie das Geld haben würde, um sich diesen Traum zu erfüllen.

Im letzten Winter schneite es zwei Wochen ununterbrochen. Die Bevölkerung wandte sich schon seit Tagen an den König, der jedoch nur hilflos mit den Schultern zuckte. Was sollte er schon gegen das Wetter tun?

Schließlich kam eine alte Kräuterhexe zum Schloss. Sie begehrte, beim König vorgelassen zu werden. Dies wurde ihr so lange verweigert, bis sie verlauten ließ, dass sie wisse, wie man die weiße Flut stoppen könne.

Umgehend wurde sie in den Thronsaal gebracht, in dem bereits König, Königin, Prinz Christian und der gesamte Hofstaat versammelt war. Ein Flüstern ging durch den Saal, währen die alte Frau durch den Raum Richtung der Majestäten schritt. Der Prinz konnte einzelne Wortfetzen im allgemeinen Raunen, wie „Hexe“, „verflucht“ und „unheimlich“ hören.

Schließlich stand das Kräuterweib vor dem Thron und wartete ab, bis das Wort an sie gerichtet wurde.

„So denn, Weib, sprich! Was weißt du über dieses unnatürliche Wetter?“, forderte sie der König zum Sprechen auf.

„Niemand weiß nichts Genaues, Euer Majestät“, begann die Frau und senkte dabei die Stimme zu einem heißeren Flüstern. Im ganzen Saal war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. „Aber jeder weiß, dass für den Schnee Frau Holle verantwortlich ist.“ Es entstand eine Pause, in der der König genervt die Augen verdrehte.

„Ihr haltet das für Aberglaube, aber es gibt sie wirklich, die Frau Holle. Ja, ja. Und ich bin die einzige, die den Weg in ihr Reich kennt. Wenn Ihr wollt, dass es aufhört zu schneien, so müsst Ihr jemanden zu ihr schicken, der ihr sagt, dass sie aufhören soll, die Betten auszuschütteln, weil die Welt in ihrem Weiß versinkt.“

„Und jetzt willst du einen Haufen Gold, damit du uns verrätst, wo der Zugang ist“, mutmaßte Prinz Christian.

Die Alte wackelte mit dem Kopf. „Ein paar Goldstücke hätte ich schon gerne. Aber ich bin damit zufrieden, wenn ich diese erhalte, wenn der Auserwählte seine Aufgaben erfüllt und es aufgehört hat, zu schneien.“

„Oh, der Auserwählte“, wiederholte Prinz Charming mit unverhohlenem Spott in der Stimme. „Es kann also nicht irgendwer gehen.“

„Das ist richtig, Euer Hoheit“, erwiderte das Kräuterweib mit ernster Stimme. „Allerdings ist es schwierig, die alten Schriften zu übersetzen. Es kann sich bei dem Auserwählten entweder um einen Mann von hohem Stand oder um einen mit reinem Herzen handeln. Das wurde früher oftmals gleichgesetzt. Das macht die Übersetzung etwas schwierig.“

Bevor noch jemand von der königlichen Familie etwas dazu sagen konnte, mischte sich der Kanzler des Königreichs ein, dem es als Erstem Hofbeamten gestattet war, das Wort zu ergreifen, ohne vom König dazu aufgefordert zu sein. „Dann kommt eigentlich nur unsere königliche Hoheit, Prinz Christian, in Frage. Er ist zweifelsohne von hohem Stand und von reinem Herzen.“

Der Knappe Will, der sich am Rande des Saals aufhielt, um dem Prinzen auf dessen Wink hin, etwas zu essen oder zu trinken bringen zu können, schüttelte bei diesen Worten unwillkürlich den Kopf. Der Prinz und ein reines Herz! So wie er ihn schikanierte, wenn es sonst keiner sah, konnte er das sicher verneinen.

Es entspann sich eine rege Diskussion. Am Ende musste der König jedoch seinem Kanzler zustimmen, dass sein Sohn als einziger für diese Reise in Frage komme.

Schon am nächsten Morgen ritt Prinz Charming auf seinem Schimmel in den Dunklen Wald, während sein Knappe Will zu Fuß hinter ihm herlief. Es waren zwar nur vier Meilen bis zum alten Ziehbrunnen im Dunklen Wald, durch den hohen Schnee benötigten die beiden jungen Männer dennoch bis zum frühen Abend, um dorthin zu gelangen.

Will hätte nach dem anstrengenden Marsch gerne erst etwas ausgeruht, bevor sie ihre eigentliche Aufgabe begannen, aber der ausgeruhte Prinz war jetzt voller Tatendrang und wollte keine Nacht in der Kälte zubringen.

„Also da müssen wir runter, hat die alte Hexe gesagt“, murmelte Christian vor sich hin, während er vorsichtig über den Brunnenrand schielte. Dann besah er sich den Eimer, der mit einem Seil an einer Kurbelwelle befestigt war. „Der scheint groß genug zu sein“, beschied er dann. „Ich setze mich da rein und du lässt mich langsam runter, Knappe. Wenn ich unten angekommen bin, folgst du mir.“

Mit diesen Worten kletterte der Prinz in den Eimer und Will mühte sich mit der Kurbel ab, dass sein Herr nicht ungebremst unten ankommen würde. Schließlich war dies geschafft und er fragte sich, wie er jetzt nach unten kommen sollte. Er begutachtete das vollständig abgewickelte aber weiterhin gut befestigte Seil. Dann seufzte er und kletterte langsam an diesem in die Tiefe. Oben war es in der Zwischenzeit stockfinster geworden, doch am Boden des Brunnenschachts schien seitlich ein Licht zu schimmern. Dies wurde mit jedem Meter, den Will am Seil hinabkletterte heller.

Schließlich stand er auf dem Boden vor einem hell erleuchteten Durchgang.

„Kommst du Trödeltante bald?“, hörte er seinen Herrn ungeduldig rufen.

Ergeben durchschritt Will den Torbogen und fand sich auf einer saftig grünen Wiese im hellen Sonnenschein wieder. Die Vögel zwitscherten und die Apfelbäume wiegten sich sanft im Wind. Und das sollte das Reich von Frau Holle sein? Der Frau, die für den Schnee sorgte?

Will blieb nicht viel Zeit hierüber nachzudenken, schon nörgelte der Prinz wieder. „Die Alte hat gesagt, dass hier die Äpfel aufgelesen werden müssen, bevor wir weitergehen können. Also mach dich an die Arbeit!“ Sprach’s und ließ sich unter einem Apfelbaum nieder.

Seufzend machte sich der Knappe an die Arbeit und sammelte alle Äpfel ein, die er finden konnte. Zum Glück standen genügend Körbe bereit, in die er das Obst legen konnte.

An der nächsten Station ihres Weges wiederholte sich das Spiel. Prinz Charming setzte sich gemütlich unter eine Weide, während Will die Brote aus dem Ofen nehmen durfte.

Schließlich kam ein zweigeschossiges Gebäude in Sicht. Schon von weitem sahen sie jemanden auf dem obersten Balkon stehen. Die Person schüttelte eifrig ein Federbett aus. Die beiden Männer sahen sich kurz an, dann beschleunigten sie ihre Schritte.

Sie stürmten regelrecht ins Haus und die Treppe nach oben.

Der Anblick, der sich ihnen hier bot, ließ sie kurz stocken. Da stand eine ältere, mollige Frau mit grauen, zu einem Dutt zusammengefassten Haaren. Diese schien völlig weggetreten zu sein und schüttelte das Federbett ohne Unterlass.

Der Prinz räusperte sich. „Gute Frau Holle“, begann er, ohne damit auch nur die geringste Reaktion hervorzurufen.

Er trat einen Schritt auf sie zu und wedelte mit seiner Hand vor ihrem Gesicht herum. Auch jetzt zeigte sie keinerlei Reaktion, sondern schüttelte nur weiterhin das Federbett. Ratlos sah der Prinz zu seinem Knappen, der aber auch nur hilflos die Achseln hob.

Schließlich wurde es Christian zu bunt. Er hatte schließlich noch anderes zu tun, als hier herumzustehen und darauf zu warten, dass die alte Wetterhexe ihn endlich bemerkte. Mit einem beherzten Griff schnappte er sich das Federbett und wand es Frau Holle so aus den Händen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass die vielen Federn so schwer waren. Mit einem erschrockenen Aufschrei glitt es ihm aus den Fingern.

Will zögerte keine Sekunde und hechtete halb über das Balkongeländer, um das Bettzeug noch fangen zu können, bevor es womöglich als Lawine in ihrem Teil der Welt niedergehen würde. Er bekam es zu fassen, doch der Sog drohte, ihn über das Geländer zu ziehen.

Gerade als seine Füße den Kontakt zum Boden verloren, wurde er an der Hüfte gepackt und zurückgezogen. Er wollte sich bei seinem Herrn für die Rettung bedanken, blickte beim Wenden des Kopfes jedoch in die gütigen, grauen Augen von Frau Holle. Diese blickte ihn freundlich an und nahm ihm dann das Bettzeug ab.

„Kommt doch herein, ihr jungen Herren“, sprach sie und ging in das Zimmer, das an den Balkon angrenzte. Dort nahm sie auf einem hohen Lehnstuhl Platz und deutete auffordernd auf den Sessel, der ihr gegenüber stand. Sofort setzte sich Prinz Christian, während sich Will vergeblich nach einer weiteren Sitzmöglichkeit umsah. Er seufzte einmal mehr und wollte gerade auf dem Boden Platz nehmen, als ein zweiter Sessel wie aus dem Nichts erschien.

Erst als er es sich darin gemütlich machte, sah er, dass sich das Sitzmöbel, auf dem sein Herr saß, in einen niedrigen Holzhocker verwandelt hatte. Sofort bedeutete der Prinz seinem Knappen, dass sie die Plätze tauschen sollten. Doch kaum hatten sich beide gesetzt, wurde aus dem Sessel ein Hocker und anders herum.

Bevor die Männer nochmals aufstehen konnten, meldete sich Frau Holle zu Wort. „Das wird immer so hin und her gehen, also könnt Ihr auch sitzen bleiben. Ihr seid ja sicherlich nicht hierher gekommen, um Bäumchen wechsel dich zu spielen. Apropos Bäumchen. Danke Will, dass du die Äpfel aufgelesen und die Brote aus dem Ofen genommen hast. Also weshalb seid ihr in mein Reich gekommen?“

In gönnerhaftem Ton erklärte Prinz Charming, dass er, in Begleitung seines Knappen, hergekommen sei, weil die Bevölkerung gar so sehr unter dem vielen Schnee leide. Als Prinz sei es ja seine vornehmste Pflicht, den Leuten etwas Linderung zu verschaffen. So sei er unter Mühen und Entbehrungen in Frau Holles Reich gereist, um sie zu bitten, seine Welt vorerst vor weiterem Schnee zu verschonen.

Frau Holle konnte sich bei diesen salbungsvollen Worten ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, versuchte sich aber dennoch an einem ernsthaften Nicken. „Es tut mir leid, dass ich so viel Kummer über Euer Reich gebracht habe. Das war nicht meine Absicht. Ich muss irgendwie in Trance verfallen sein, während ich das Bettzeug aufgeschüttelt habe. Zum Glück habt Ihr mich aus der Trance geholt. Und ich bin wirklich froh, dass Euer treuer Knappe verhindert hat, dass der Federbett als Ganzes zur Erde gefallen ist. Das wäre wirklich ein Unglück gewesen.“

Sie erhob sich. „Ich verspreche, dass ich die nächsten Wochen keine Betten ausschütteln werde, zumindest nicht auf dieser Seite des Hauses. Kommt ich bringe Euch zu einem Zimmer, in dem ihr bis morgen schlafen könnt. Dann zeige ich euch den Weg zurück zum Brunnen.“

Eilig erhob sich Prinz Christian und folgte der alten Frau. Die Kräuterhexe hatte davon gesprochen, dass den Besuchern dieses Reichs eine Belohnung erwarte, wenn sie nach Hause zurückkehrten. In seinen Gedanken malte er sich aus, wie er mit Gold und Juwelen beladen nach Hause kommen würde.

Will schlurfte dem Prinzen hinterher. Nach dem langen Weg zum Brunnen und der ganzen Arbeit mit den Äpfeln und Broten wollte er nur noch ins Bett.

Viele Stunden später wachten die beiden jungen Männer erholt auf und Frau Holle brachte sie zu einem Durchgang in ihre Welt, nachdem sie sie zuvor mit einem reichhaltigen Frühstück versorgt hatte. Will hatte sich schon seit Jahren nicht mehr so wohl gefühlt wie am Esstisch der alten Frau. Er war versucht, diese zu fragen, ob er nicht bei ihr bleiben konnte, traute sich aber nicht, diese Frage in Anwesenheit des Prinzen zu stellen.

So traten beide Männer durch den Torbogen und fanden sich am alten Ziehbrunnen im Dunklen Wald wieder. Wasser tropfte von den Zweigen, denn der Schnee war im Begriff, zu schmelzen. Dem Sonnenstand nach, war es früher Morgen und sie machten sich auf den Weg nach Hause.

Christian saß mürrisch auf seinem Pferd. Als sie den Durchgang passiert hatten, war nichts geschehen, gar nichts. Es regnete kein Gold auf ihn herab und es wartete auch keine Belohnung bei seinem Pferd. Seine einzige Genugtuung bestand darin, dass eine solche Belohnung auch bei seinem Knappen ausgeblieben war.

Die Laune besserte sich erst, als sie durch das erste größere Dorf kamen und ihm die Menschen zujubelten und ihn dafür feierten, dass er die langanhaltenden Schneefälle beendet hatte. Bis sie beim Schloss ankamen, war ihm so viel Jubel zuteil geworden, dass er mit seinem üblichen charmanten Lächeln kerzengerade im Sattel saß.

Zwei Tag später erhielt der König ein Schreiben, in dem der König des Nachbarlandes die mutige Tat von Prinz Christian lobte und ihm die Hand seiner Tochter anbot. Der Prinz überlegte, dass das dann wohl die versprochene Belohnung sein würde. Da Prinzessin Annabelle eine ansehnliche Aussteuer mit in die Ehe bringen würde, war die Heirat schnell beschlossene Sache.

Bereits einen Monat später fand die prachtvolle Hochzeit statt. Prinz Charming konnte sich gar nicht an seiner schönen Braut sattsehen und wähnte sich, der glücklichste Mann in allen Königreichen zu sein.

Diese Euphorie verflog allerdings sehr schnell, als er merkte, dass seine Frau äußerst anspruchsvoll war und seine volle Aufmerksamkeit erwartete. Trinkgelage mit den anderen jungen Adeligen am Hof waren ebenso schnell gestrichen wie seine geliebten Jagdausflüge. Tat er nicht, was Prinzessin Annabelle von ihm verlangte, drohte diese sofort mit einem Krieg zwischen den Königreichen. So fügte sich der Prinz, verlor aber sein Lächeln.

Und Will? Der bekam das Unglück des Prinzen nur von weitem mit. Als er nach dem anstrengenden Fußmarsch vom Dunklen Wald wieder im Schloss angekommen war, hatten sich in seinen Jackentaschen plötzlich fünfzig Goldstücke befunden. Ein Vermögen für einen einfachen Mann wie ihn. Er kündigte seine Stellung beim Prinzen und kaufte sich von diesem Geld einen Gasthof und eine Wiese mit Apfelbäumen. Die Bäume waren jedes Jahr so voller Obst, dass er das ganze Jahr über selbst hergestellten Äppelwoi ausschenken konnte.

Als er dann noch ein Jahr später seine tüchtige Schankmaid heiratete, war er glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende.

 


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