Wenn ein Blick genügt

Wenn ein Blick genügt

Im Märchen funktioniert vieles auf den ersten Blick. Der Prinz verliebt sich in das vermeintlich tote Schneewittchen, als er sie sieht. Genauso geht es dem Bezwinger der Dornenhecke mit Dornröschen, dem Turmkletterer bei Rapunzel oder dem Jägerkönig bei Brüderchen und Schwesterchen. Ein Blick und die Herren sind den Damen verfallen. Ob die Mädchen auch wollen, ist Nebensache, immerhin ist er ein Prinz. Sogar die Prinzessin mit der goldenen Kugel denkt nicht mehr daran, dass der Kerl in ihrem Schlafzimmer eben noch ein Frosch war. Wie romantisch, oder? Er will, also will sie natürlich auch. Passiv, passiver, Märchenheldinnen. Da noch von „Heldin“ zu sprechen, ist eigentlich nur Satire.

Schau mir in die Augen, Prinzessin

Klar, ein tiefer Blick in die Augen des Typs, der dich gerade aus einem 100-jährigen Schlaf geweckt hat, reicht auch aus, um dich zu entscheiden, ob du ihn heiraten willst, oder nicht. Wer braucht schon mehr? Zugegeben, Ehen unter Adligen waren in der Romantik (und sind es teilweise immer noch) wenig amourösen Gefühlen geschuldet als vielmehr politischen Belangen. Ein Königreich, das gerade 100 Jahre verpennt hat, tut sich also gut daran, einen Regenten einzubeziehen, der weiß, was aktuell Sache ist. Dass ein Prinz eine verwaiste Angestellte heiratet, ist da schon wesentlich unwahrscheinlicher. Auch, dass die verwöhnte Prinzessin einfach einem Straßenmusiker mitgegeben wird. Aschenputtel und König Drosselbart müssen also irgendwas gehabt haben.

Wer nicht hören will, muss fühlen

Gerade bei letzterem erkennt dieses „Etwas“ allerdings nur der Vater der Braut. Die Prinzessin will Drosselbart nicht, weder als König noch als Straßenmusikant. Eine Frau, die sich gegen Liebe auf den ersten Blick wehrt. So aber nicht, junge Dame! Prompt wird sie so richtig erniedrigt. Man nehme ihr Stellung und Kleider, zerschlage alle ihre Versuche, auf eigenen Beinen zu stehen und einen sinnvollen Beitrag zum gemeinsam Leben zu leisten, und wenn sie so richtig schön am Boden ist, dann, ja dann, kommt er, der rettende Blick, auch wenn es nicht der erste ist. Ein Erkennen in Perfektion, schwupp ist sie froh, doch noch einen mit Krone abbekommen zu haben. Wer widerspricht auch den Männern, wenn sie sich um einen scharen und nimmt sich gar heraus, dass keiner davon in Frage kommt? Unerhört sowas.

Wenn Blicke töten könnten

Aber Blicke sind im Märchen nicht nur gut. Sie können auch so richtig gefährlich werden. Ein Blick auf Rotkäppchen und dem Wolf läuft das Wasser im Munde zusammen. Sobald Allerleirauhs Vater sieht, dass sie ihrer Mutter so sehr ähnelt, will er sie heiraten. Im Märchen Marienkind und auch bei Blaubart ist es der verbotene Blick, der entscheidend wird. Blaubarts Frau wird ebenso wie der Protagonistin in Marienkind verboten, einen bestimmten Raum zu öffnen und hineinzusehen. Beide widersetzten sich, wie einst Orpheus auf dem Weg aus der Unterwelt, diesem Gebot. Beiden können es nicht verheimlichen. Ist es hier ein blutiger Schlüssel, färbt das Gold des verbotenen Zimmers auf das Mädchen in Marienkind selbst ab. Sie werden bestraft und müssen am Ende beide wegen eines falschen Blickes um ihr Leben bangen. Interessant bleibt, dass die Blicke der Frauen im Märchen negativ besetzt sind, die des wilden Tieres oder sogar die des vor Trauer wahnsinnigen Vaters nicht. Unangetastet bleibt der Blick des Prinzen, der sich auf den ersten Blick verliebt hat und damit das Schicksal seiner Angebeteten bestimmt. Liebe auf den ersten Blick? Im Märchen eine klare Sache der Männer.

 

Von Eva-Maria Obermann


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